Die richtige Brille liest die richtigen Worte

Ist wirklich der andere Schuld, oder haben wir einfach nur die falsche Brille auf?


Zwischenmenschliche Beziehungen sind wie Texte lesen. Je nachdem durch welche Brille ich einen Text lese, kann ich die einzelnen Wörter gut und entspannt lesen oder es fällt mir sehr schwer, es ist mühsam und anstrengend und es kommt nicht selten vor, dass ich Wörter falsch lese und somit auch den Zusammenhang des Textes nicht verstehe, weil alleine das Lesen und die hohe Konzentration und Energie die ich dazu benötige, mir so schwer fällt.

Ich selbst als fast blinde Person kenne das sehr gut. Am Ende ärgere ich mich dann immer, dass der Text so klein in einer so blöd gewählten Schriftart geschrieben ist, zudem in einem für mich völlig falschen Farbschema…..
Und zu Allem Übel hat mich das Lesen so viel Anstrengung gekostet, dass ich gar nicht wirklich weiß, worum es eigentlich inhaltlich geht. Dann lese ich ihn nochmal und nochmal mit immer derselben Sehhilfe und selbst dann bleiben die Buchstaben so wie sie sind und ändern weder ihre Größe, noch ihre Schriftart und auch der Hintergrund bleibt derselbe.

Und nun? Kann der Text jetzt etwas dafür, dass ich sehbehindert bin und meine Sehhilfen einfach nicht ausreichen um ihn lesen zu können? Sicher nicht. Was habe ich also für Optionen? Ich muss solange nach geeigneten Sehhilfen suchen, bis dass ich die für mich annähernd gute Unterstützung gefunden habe, um den Text lesen und somit auch verstehen zu können. Denn den Inhalt und somit den gesamten Zusammenhang des Textes kann ich erst dann nachvollziehen, wenn ich die richtige Brille gefunden habe, die es mir ermöglicht, den Text zu lesen.

Also muss ich eben suchen, solange, bis dass ich die richtige Sehhilfe gefunden habe. Ja, das kann schon etwas dauern, aber mit der richtigen Brille, lese ich auch die Wörter richtig
. Und so ist es doch in Beziehungen nicht anders.

Wir Menschen geben oft dem anderen die Schuld für sein Verhalten oder seine verbalen Äußerungen.

Aber ist wirklich der andere Schuld oder haben wir einfach nur die falsche Brille auf?

Bei Konflikten tragen wir Menschen oft immer nur diese eine Brille die wir haben, wir sehen den Konflikt nur aus dieser Brille und meist ist uns gar nicht bewusst, dass es noch so viele andere Brillen auf dem Markt gibt, die wir ausprobieren können um unser Gegenüber besser zu verstehen. Und in zwischenmenschlichen Beziehungen ist es wichtig, für eine bessere Beziehung und die Lösung besonders chronischer Konflikte sowohl im Beruf als auch im Familienleben und anderen Beziehungen die richtige Brille zu nutzen. Stell dir einmal die Frage, WIE genau du dein Gegenüber siehst, aus welcher Brille betrachtest du dein Gegenüber, was denkst du über ihn? Wie urteilst du über ihn? Was lehnst du an ihm ab? Und dann frage dich einmal,

WIE könntest du dein Gegenüber noch anders sehen? Welche Brille würde dir einen neuen Blickwinkel auf dein Gegenüber schenken?

Was gibt es noch an dieser Person zu entdecken, was du vielleicht bisher noch nicht gesehen hast, weil es dir noch nicht möglich war? Was möchtest du vielleicht sogar einmal an deinem Gegegenüber neu entdecken und kennenlernen? Sei einmal neugieirig und forsche aufmerksam nach. Suche nach neuen Blickwinkeln, nache neuen Gedanken, nach neuen Vorstellungen deines Gegenübers. Aus welcher Perspektive hast du dein Gegenüber noch nicht beleuchtet? Jeder Mensch, jeder einzelne Mensch wird doch von mindestens einem anderen Menschen geliebt oder zumindest gemocht.

Wie genau sieht diese Person dein Gegenüber? Was würde genau dieser Mensch über dein Gegenüber denken, sagen, fühlen? Versetze dich einmal ganz bewusst in andere Personen hinein, die deinem Gegenüber sehr nahe stehen und nur Gutes über sie erzählen würden.

Und dann probier genau diese Brile einmal aus und sieh dein Gegenüber aus den Augen eines anderen. 

Ich gebe dir ein Beispiel: Schwiegertochter und Schwiegervater haben kein gutes Verhältnis zueinander. Im Gegenteil, der Schwiegervater verurteilt und missachtet seine Schwiegertochter sogar, dass er es nicht mal mehr schafft, ihr auf ihrer Hochzeit mit seinem Sohn zu gratulieren. Die Schwiegertochter wird bei Familienfesten ausgeschlossen und Anschuldigungen werden ihr entgegengebracht. Kein schöner Zustand, oder? Trotz aller Bemühen einen guten Kontakt zum Schwiegervater herzustellen, möchte dieser aber keinen Frieden, sondern bleibt in seiner Wahrnehmung gefangen, die Schwiegertochter sei ein übler Mensch, aus diversen Gründen. Jetzt wäre es aber dennoch gut, dass die Schwiegertochter selbst anders über ihren Schwiegervater denkt, denn es wird immer und immer wieder auch zu Konfrontationen kommen, da zu diesem Familiensystem mehr Menschen als diese Beteiligten gehören. Also sucht die Schwiegertochter nach neuen Möglichkeiten, wie sie selbst ihren Schwiegervater neue sehen kann, um 1. es ihrem Mann, der immer zwischen den Fronten steht, leichter zu machen, um 2. ihre Gefühle von Wut, Ärger, Traurigkeit und Ohnmacht positiv umlenken zu können und somit 3. zu einem entspannten Familiensystem beitragen zu können. Wenn der Schwiegervater also seine Waffen gegen die Schwiegertochter nicht fallen lässt, dann braucht es zumindest die Schwiegertochter selbst, die für Frieden sorgen kann. Und wie? Welche Menschen lieben den Schwiegervater am allermeisten? Die Enkelkinder. Die zwei Enkelkinder lieben ihren Opa heiß und innig und könnten, wenn sie um das miserable Verhältnis wüssten, wohl gar nicht verstehen, dass der Opa und die Stiefmutter keine gute Beziehung zueinander haben. Ausserdem würde sich hier die Frage stellen, selbst wenn die Kinder die Konfrontation zwischen Opa und Stiefmutter miterleben, zu wem würden sie wohl eher halten im Zweifelsfall? Natürlich zum Opa, denn den kennen sie schon viel länger und intensiver. Also was kann die Schwiegertochter jetzt tun? Richtig: sie versucht den Schwiegervater aus Sicht der Kinder zu sehen... und dann entdeckt sie etwas Neues an ihm, Seiten an ihm, die sie beisher noch nicht kannte... sie versetzt sich voll und ganz in die Position des Kindes und dann hat sie die Chance diese neue Erfahrung für sich zu nutzen und beim nächsten Aufeinandertreffen anders zu reagieren. Sie setzt die Brille der Kinder auf und ihre Wut, ihren Ärger kann sie anders kanalisieren. Und auch ihr Mann spür, dass zumindest seine Frau, also die Schwiegertochter, diesen wertvollen Schritt für ein besseres Familiensystem gemacht hat.

Und so kann ich dich ermutigen, nimm einen neuen Blickwinkel, eine neue Perspektive um dein Gegenüber neu kennen zu lernen. Für dich, für deine Gefühle und für die Menschen, die du liebst und die dich lieben.